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Finnland – Rentiere gucken

07/07/2014 - Ralf Schröder

Wenn der lange Winter am Fluss Torne älv endet, ist es oft schon Mai. Dann kracht es im Fluss, es bersten die Eisplatten und treiben Richtung Ostsee. An den Stromschnellen von Kukkola reißen sie die Stege mit, ziehen die Holzbohlen in die Mitte des Flusses – Jahr für Jahr. Es ist die nordische Version der Sisyphos-Legende, denn jeden Sommer bauen sich die Angler die Holzstege neu in den Fluss, um mit Käschern die flussaufwärts strebenden Felchen zu fangen. Dann stehen sie stundenlang am schwedischen und am finnischen Ufer der Stromschnellen und führen gleichmäßig das Netz mit dem Strom.

Der Torne älv mündet bei Haparanda in die Ostsee oder genauer gesagt in den Bottnischen Meerbusen, die nördlichste Bucht der Ostsee. Als  die Welt sich noch einfach aufteilen ließ in den guten Westen und den bösen Ostblock, als Finnland noch der neutrale Puffer zur UdSSR war, wurden in Haparanda gern die Spione zwischen Ost und West ausgetauscht – heißt es. Geheimdienste pflegen ja nicht alles öffentlich zu machen.

Über die Via Karelia

Wir waren in Helsinki gestartet und hatten uns sofort Richtung Osten orientiert. Ein kurzer Stopp in Porvoo an der Südküste Finnlands, dann auf Nebenstraßen über Kotka bis nach Lappeenranta. Die Kleinstadt liegt am südöstlichen Ende des Saimaa-Seengebiets, ein Kanal verbindet den See mit dem ehemals finnischen Vyborg, das heute zu Russland gehört. Unser Ziel war die Via Karelia, die durch den finnischen Teil Kareliens führt. Immer wieder blitzte Wasser rechts und links der Straße auf. Bis Joenssu war es eher langweilig zu fahren, aber je weiter es nach Norden ging, um so netter wurde die Strecke. In Nurmes hatten wir einen Stopp am Bomba-Haus gemacht. Das ist der Nachbau eines großen karelischen Hofes, dunkles Holz, hübsche kleine Schnitzereien und drinnen gibt es ein Restaurant.

Verkehrsteilnehmer: Rentier

Hinter Kuhmo kamen dann die ersten orangen, mehrsprachigen Warntafeln: Vorsicht, Rentierzuchtgebiet. Rentiere leben halbwild in Herden beisammen und – um es gleich ganz deutlich zu sagen – sind als Verkehrsteilnehmer nicht wirklich qualifiziert. Beispiel gefällig? Du siehst eine kleine Herde auf der linken Straßenseite und zwei Rentiere auf der rechten. Nein, die zwei versuchen nicht, zu ihrer Herde zu kommen. Sie trappeln mit ihrem typischen Hufklang am rechten Straßenrand, drei kommen von links dazu und Du hast keine Ahnung, wo die nun hin möchten. Manchmal laufen sie auch einfach einen halben Kilometer auf der Straße vor dem Auto oder Motorrad her. Nicht panisch, nicht wirklich schnell und alles andere als zielstrebig. Geringfügig differenzierter betrachtet: Rentiergeschnetzeltes ist lecker, aber bis es dazu kommt, nerven die Viecher – jedenfalls auf der Straße.

Wer mich jetzt gemein findet: Als Fußgänger finde ich Rentiere durchaus nett. Man kann sie mit Baumzweigen mit frischem Grün füttern, man kann sie im Winter vor einen Schlitten spannen und muss nicht selbst laufen. Und Rentierfelle sind eine warme Unterlage zum Sitzen. Keine Kota in Lappland, in der nicht Rentierfelle auf den Holzbänken liegen. Was uns die Kuh, ist in Lappland das Rentier. Mit dem angenehmen Unterschied, dass dieses Nutztier halbwild leben darf.

Weihnachtslieder am Polarkreis

Stopp in Rovaniemi: Wir überqueren den Polarkreis. Die Finnen behaupten, dass hier der Weihnachtsmann wohnt. Sie haben ihm ganz viele Souvenir-Shops gebaut und auf dem ganzen  Gelände des Joulupukki – so heißt der Weihnachtsmann auf Finnisch – laufen beinahe rund um die Uhr Weihnachtslieder. Wir haben Anfang August und es sind 28 Grad am Polarkreis. Irgendwie passt das mit den Weihnachtsliedern nicht so recht. Und auf dem benachbarten Flugplatz wird offenbar ein Ersatz für den Rentierschlitten erprobt. Ein Kampfjet übt für eine Flugshow Loopings, Spiralen und das Durchbrechen der Schallmauer. Jingle bells, jingle bells jingle all the…. BROOOOOAAAAMM-POOOH …in a one horse sleigh, hey. Ja, ja, die Finnen wieder…

Holger aus Överkalix und seine Schätzchen

Aber die schwedischen Nachbarn, die sind vernünftig. Vielleicht bis auf Holger. Holger ist weit über 70 und sammelt Traktoren. Sein “Museum” liegt in der Nähe von Överkalix. Eigentlich ist es nur eine Wiese, auf der er seine rostigen Schätze jahrein, jahraus stehen hat. “Traktoren sind wie Frauen. Die müssen nicht schön sein, die müssen funktionieren,” sagt der alte Mann und wirft einen der historischen Traktoren am Schwungrad per Hand an. Schwarze Wolken steigen aus dem Schornstein. Vielleicht ist die Gleichstellungsbeauftragte noch nicht bis Överkalix gekommen? Oder ist das dieser spezielle nordschwedische Humor? Holger ist es wichtiger zu zeigen, dass alle Motoren laufen, egal wie alt und verrostet der Traktor ist. “Das Gras wächst so verdammt schnell im Sommer”, knurrt er noch. Einige Traktoren sind bis zur Vorderachse eingewachsen. Damit es nicht in die Schornsteine hinein regnet, hat er Konservendosen wie kleine Mützen darüber gestülpt.

Wir bleiben noch etwas im schwedisch-finnischen Grenzgebiet. Muonio liegt am Muonionjoki, einem Nebenfluss des Torne älv. Auf dem Fluss werden Rafting-Touren angeboten. In glucksender Fahrt geht es in die Stromschnellen, und die beiden finnischen Guides machen sich einen Spaß daraus, alle im Boot nass zu machen. Aber vorher gibt es eine Sicherheits-Instruktion: “Wenn Ihr aus dem Boot fallt, schwimmt Ihr auf die finnische Seite des Ufers. Da holen wir Euch ab.” Pause. “Ihr könnt auch auf die schwedische Seite schwimmen.” Pause. “Dann müsst Ihr danach aber noch auf die finnische Seite schwimmen.” Es fällt keiner raus,  aber alle, die sich auf die vorderen Plätze gedrängelt hatten, sind patschnass.

Es sind so unglaubliche Entfernungen in Lappland. Du fährst 90 Kilometer in einer Stunde durch den Wald und nichts bremst die Fahrt. Es sei denn, ein Rentier taucht auf. Keine Ortschaft, keine Schilder. Manche Strecken sind mit hundert ausgeschildert, was hier im hohen Norden heißt, es wird 110 bis 120 gefahren. Und das ist dann auch die Durchschnittsgeschwindigkeit; mehr als man auf manchen deutschen Autobahnen schafft. Und deutlich entspannter. Wir fahren über Pajala mit seiner überdimensionalen Sonnenuhr im Zentrum Richtung Westen. Wir wollen ins schwedische Fjäll. Wald, Wald, Wald, unterbrochen von breiten Strömen.

In Schweden züchten nur Sami Rentiere

Bei Arvidsjaur machen wir einen Abstecher in Richtung Norwegen. In Arjeplog gibt es ein nettes kleines Silbermuseum. Aber zum ersten Mal auf dieser Tour haben wir ein Problem mit Mücken. Der finnische Sommer war trocken, da glänzten die kleinen Plagegeister mit Abwesenheit. Aber hier in Arjeplog, zwischen den Seen Uddjaure und Hornavan, rotten sie sich zu schwarzen Wolken zusammen. Man sollte sich an den Rentieren orientieren! Die mögen nämlich auch keine Mücken und ziehen ins Hochfjäll, auf die kargen Hochebenen, wo der Wind den Mücken keine Chance lässt. In Schweden dürfen übrigens nur Sami Rentiere züchten, eines der wenigen Privilegien der Ureinwohner Lapplands.

Zurück in die Zivilisation

Stück für Stück nähern wir uns wieder der Zivilisation. Östersund ist eine richtige Stadt. Im Storsjö, dem “großen See” soll ein Ungeheuer leben. Sozusagen die kleine Schwester von Nessie. Aber da ich nicht an den Hokuspokus mit Nessie glaube, lege ich auch keinen größeren Wert auf die Bekanntschaft mit dem Storsjö-Ungeheuer. Die folgenden Tage halten wir uns im norwegisch-schwedischen Grenzgebiet auf. Ein paar nette Schotterpisten kann man hier unter die Räder nehmen. Und die Kultur kommt auch nicht zu kurz: In Överhogdal, einem winzigen Dorf an der E45, hat man einen Wandteppich aus der Zeit zwischen 1040 und 1170 gefunden. Ausgehende Wikingerzeit und bestens erhalten.

Zum Abschluss machen wir es uns an zwei Seen gemütlich: Erst in Tällberg am Siljansee, dann in Sunne am Frykensee. So eine Hotel-Veranda mit Seeblick ist etwas Feines. Da könnten wir gern noch länger sitzen und die Ruhe des Nordens genießen.

Ralf Schröder

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