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Kanada: Wild, wild West

10/08/2014 - Ralf Schröder

Das Wohnmobil steht so komisch auf der Straße, und der Truck muss deshalb kräftig bremsen. Überholt der Truck das Wohnmobil, obwohl wir von vorne kommen? Ich konzentriere mich voll auf den Gegenverkehr, bis ich den Grund für den Mini-Stau sehe: Ein Schwarzbär kommt rechts aus dem Fluss und trottet auf die Straße – und zwar direkt vor uns! Keine Chance, die Kamera zu zücken. Ich fahre mit zwei Metern Abstand an dem Bären vorbei – ohne Zaun dazwischen. Birgit, die mit der V-Strom hinter mir fährt, könnte ihn fast anfassen, so nah ist der Bär. Nasses Fell vom Bad im Fluss, läuft  er gemächlich an der Straße entlang. Und die Urlauber im Wohnmobil freuen sich einen Keks über die Fotos aus der Nähe, während der Truck immer noch wartet, dass er endlich vorbei kann. Es ist schon merkwürdig: Drei Stunden ist uns kein Auto begegnet und dann müssen wir innerhalb von Sekunden hellwach sein.

Gestartet sind wir in Vancouver mit den Mietmaschinen, eine BMW 800 GS und eine Suzuki V-Strom 650. Der Weg raus aus der unbekannten Großstadt war einfacher, als ich befürchtet hatte. Die Fähre brachte uns bei strahlendem Sonnenschein hinüber nach Vancouver Island, wo wir nur noch ein kurzes Stück bis nach Victoria, die Hauptstadt von British Columbia, hatten. Wasserflugzeuge für Rundflüge starteten und landeten ständig im Hafen, der “Prince of Whales” lief zu Walbeobachtungen aus und dazwischen wuselten Dutzende Wassertaxis. Victoria ist schon sehr touristisch, aber durch die Lage auf einer Halbinsel am Pazifik auch sehr nett. Der erste Fehler kam am zweiten Tag: Unterschätze niemals Entfernungen in Kanada! Der Kartenmaßstab täuscht ständig. Vancouver Island ist mit 450 Kilometern Länge die größte Pazifik-Insel an der nordamerikanischen Küste. Den geplanten Abstecher mussten wir abbrechen, das wären mal eben 300 Kilometer extra gewesen, nur um “kurz mal” an die Westküste von Vancouver Island zu fahren. Von Port Hardy sind wir dann per Schiff rund 15 Stunden durch die Inside Passage nach Norden bis Prince Rupert gefahren – durch schmale Sunde und Fjorde. Da hätten wir es eigentlich schon merken können, wie dünn Kanada besiedelt ist, denn das Schiff legt nur einmal an während der Tagestour.

Jetzt sind wir auf dem Weg von Prince Rupert nach Norden. Stewart heißt das Kaff, in das wir wollen. Es liegt an der Grenze zu Alaska und ist der letzte Außenposten von British Columbia. Aber so schnell kommen wir nicht ans Ziel: Erst der Bär auf der Straße, dann der mächtige Bear Glacier neben der Straße. “Das ist nur ein Eiswürfel im Vergleich zum Salmon Glacier”, sagt der Ranger auf der US-amerikanischen Seite der Grenze am nächsten Tag und zuckt mitleidig mit den Schultern. Von Stewart bis Hyder in Alaska sind es weniger als zehn Kilometer. In Stewart fragen wir uns schon, warum dort Menschen wohnen, aber Hyder ist eine Geisterstadt, die nur noch von Touristen wie uns lebt: Alle wollen die Bären beim Lachse fangen sehen. Am Fish Creek zahlt man Eintritt, Ranger achten darauf, dass niemand Blödsinn macht. Der kleine Fluss steht voller Lachse und überall am Ufer sind Spuren von Bären zu sehen, die sich hier einen leckeren Fisch aus dem Wasser gezogen haben. Tierfotografen haben ihre Stative aufgebaut und warten auf den nächsten Bären. Drei Stunden halten wir das Warten aus, aber der Tag ist heiß, wir nähern uns 30 Grad. Birgit versucht es mit Bären-Psychologie: “Wenn ich ein Bär wäre, würde ich bei der Hitze lieber im schattigen Wald pennen.” Wir lassen die Fotografen mit ihren Stativen stehen und suchen in Hyder ein Café. Gibt es nicht (mehr). Mit zwei Flaschen Cola und Schokoriegeln aus einem Souvenirshop fahren wir an den “Hafen” von Hyder und setzen uns dort in die Sonne – mit Blick auf den Fjord. Bei der Aussicht brauche ich kein Café mehr.

Die Rückkehr nach Kanada ist erfreulich einfach: Kein US-amerikanischer Zöllner, nur ein freundlicher kanadischer Grenzer steht dort und möchte wissen, ob wir Waffen in Hyder gekauft haben. Die Waffengesetze in Kanada sind ähnlich streng wie in Deutschland. Haben wir nicht und so wünscht er uns eine gute Fahrt.

Jetzt haben wir also trotz Eintritt und fachlicher Betreuung durch nette Ranger keinen Bären beim Lachse fischen beobachten können. Macht nichts: Am nächsten Tag haben wir eine Mutter mit drei Jungen auf der Straße vor uns. Und später noch einmal zwei Bären. Es ist unglaublich.

Auf dem Weg hatten wir schon in Gitanyow eine Sammlung alter Totempfähle sehen können, in Old Hazelton haben wir dann das Indianer-Museum Ksan besucht: historische Gebäude mit Wandgemälden, Totempfähle und eine kleine Ausstellung. Ganz nett, aber nicht so spektakulär wie die Metall-Brücke über den Canyon – da kann man wunderbar in die Tiefe auf den Fluss schauen. Ein Schild warnt Motorradfahrer davor, dass es im Lenker schütteln könnte. Das macht mir nichts aus, aber den Blick in die Tiefe vermeide ich beim Fahren.

Zwei eher langweilige Fahrtage später durch endlose Wälder gehen mir die Highways langsam auf den Keks: Kurven sind auf dem Weg Richtung Jasper Mangelware. Und selbst mit breit ausgebauten Kurven, die den Namen kaum verdienen, scheinen hier einige kanadische Autofahrer Probleme zu haben. Auf Tempo 60 runterbremsen und immer noch nicht die Spur halten können… ich krieg die Krise!

Und dann hinter einem dieser weiten Schwünge taucht der Mount Robson wie aus dem Nichts auf: 3.954 Meter hoch und trotz 30 Grad im Tal mit einer kleinen Schneemütze. Was für ein Klotz von Berg! Und das ist erst der Anfang: Bei Jasper fängt der BOAH-Highway an. Offiziell heißt er Icefields Parkway und ist gesäumt von Gletschern und Gipfeln. OK, wir sind nicht die Einzigen, die das toll finden. Die Einsamkeit an der Grenze zu Alaska ist verflogen, hier tummeln sich Touristen aus aller Welt. Jasper geht noch, aber Banff ist eine echte Touristenfalle. Das ist der Preis der großartigen Natur.

Über Revelstoke fahren wir nach Süden und finden endlich ein paar richtig tolle Motorradstrecken mit echten Kurven und nahezu ohne Autos – bis wir das dicht besiedelte Okanagan Valley erreichen. Ganz im Süden nahe der amerikanischen Grenze liegt Osoyoos, wo wir einen Boah-Effekt ganz anderer Art erleben. Das Tal sieht aus, als läge es an der Grenze zu Mexiko, trocken und heiß. Und das Hotel steht direkt am Strand des Okanagan Lake. Amerikaner kommen hier zum Badeurlaub her. An den sanften Talhängen reift ein guter Wein und es werden Pfirsiche angebaut. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Beeren statt Bären. Und der Wein ist gut, wie wir beim Abendessen feststellen.

Ralf Schröder

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