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Norwegen auf Schotter

22/08/2014 - Ralf Schröder

Ob ich noch zusammenkriege, wie oft ich schon in Norwegen unterwegs war? 1979 war es das erste Mal als Jugendlicher, 1983 als Student und Anfang der Neunziger regelmäßig beruflich. Das erste Mal mit dem Motorrad war ich 1984 in Norwegen, damals auf einer BMW 60/5, die einem Freund gehörte. Seinerzeit war ich eine Schotter-piste gefahren, 50 Kilometer im Fjell mit grandioser Aussicht. Natürlich mit Straßenreifen. Und mit einem dünnen Belstaff-Anzug, den ich mir mühsam erspart hatte. Protektoren? Gab es noch nicht. Thermofutter? Nö, dicker Pullover. GoreTex? Nein, oranger Regenkombi, der jedem Kanalarbeiter auch gut gestanden hätte.

Seit 1984 hat sich viel verändert, nicht nur bei der Motorradbekleidung und den Maschinen, sondern auch in Norwegen. Die letzten Jahre war ich zunehmend genervt vom Massentouris-mus, der so wenig mit dem Reiseziel zu tun hatte, das ich über Jahre kennen und schätzen gelernt habe. Vor allem wenn die Kreuzfahrtschiffe zweitausend oder sogar dreitausend Gäste auf einmal in kleine Ortschaften wie Flåm oder Geiranger ausspucken, sind für mich Grenzen überschritten. Dass die Kreuzfahrtgäste – die wenig Geld im Land lassen – die Stammgäste vergraulen, haben in Norwegen noch nicht genügend Leute verstanden. Darauf habe ich keinen Bock.

Und so entstand die Idee, Norwegen einmal anders zu bereisen, abseits der Touristenpfade soweit es möglich ist. Wir wollten Schotterpisten nutzen und endlich noch einmal den Jotunheimvegen fahren, den ich seit 1984 nicht wieder mit dem Motorrad gefahren bin. 30 Jahre später und die Zeiten haben sich geändert: beste Stadler-Klamotten, guter Shoei-Helm und Stollenreifen an der KTM 690 Enduro. Nur eines hat sich in den letzten dreißig Jahren leider nicht geändert: Ein Held auf Schotter bin ich immer noch nicht.

Die Fahrt durch Dänemark gerät zum ersten Härtetest: 500 Kilometer Autobahn auf der 690er Enduro mit ihrer dünnen Sitzbank sind hart. Ich muss mich zwingen, nicht jede Stunde eine Pause zu machen. Selten habe ich mich so auf Tankstopps gefreut. Und dann säuft die ja nix: Nach 200 bis 250 Kilometern geht die Reserveleuchte an und getankt werden dann 9,5 Literchen. Hätte ich doch nur die Komfort-Sitzbank bestellt…

Die Fähre bringt uns von Hirtshals hinüber nach Langesund in Südnorwegen. Bis zur ersten Übernachtung in Kongsberg haben wir noch etwa zwei Stunden Fahrt. Auf den kleinen Landstraßen macht die Enduro – Asphalt hin oder her – schon deutlich mehr Spaß. Der agile Einzylinder hat mit seinen 68 PS kein Problem, mit der BMW 800 GS mitzuhalten, obwohl die nominell 85 PS zur Verfügung hat. Das niedrige Gewicht macht das Handling spielerisch und die Metzler Sahara haben auch auf Asphalt genügen Grip, für einen zügigen Touri-Modus reichen sie allemal.

Wir erreichen Kongsberg an einem Sonntagabend. Am Nachmittag ist das Jazzfestival zuende gegangen, überall stehen noch Absperrungen und der Müll wird offenbar auch erst am Montag abgeholt. Ich sehe das als technischen Stopp an, freue mich auf das Hotelbett und bin froh, dass es im Pub ein ordentliches Bier und etwas zu essen gibt.

Wir nutzen kleine Straßen, um uns nach Norden vorzuarbeiten. In Nesbyen stoppen wir an dem Campingplatz, auf dem ich zuletzt 1983 als Student war. Sie haben eine Cafeteria gebaut, die wir gern nutzen, weil es angefangen hat zu regnen. Nicht stark, aber ein Kaffee und eine Kleinigkeit zwischendrin können nicht schaden. Ein Blick auf die Karte: Ja, es gäbe eine Schotterpiste hinüber nach Valdres und sie hat auch kein Maut-Symbol. Viele der kleinen Schotterpisten im Fjell sind privat entstanden und kosten Maut. Oft sind Motorräder frei, aber nicht immer. Die Mautbeträge sind nicht hoch und werden zur Instandhaltung der Straßen genutzt. Aber wir entscheiden uns gegen die Piste, denn bei feuchtem Wetter macht das nur bedingt Spaß. Also die 51 von Gol nach Fagernes genommen und Valdresflya rauf. Schwups sind wir in den Wolken, die Sicht liegt bei 20 bis 50 Metern. Die Autos vor uns tasten sich um die Kurven und wir folgen brav. An Überholen ist in der Suppe nicht zu denken. Jenseits der Passhöhe reißt es auf, der Jotunheimvegen ist unter den Wolken zu erkennen. Wir haben in einer Berghütte ein Zimmer vorgebucht, jetzt müssen wir durch die Pfützen fahren. Und siehe da: Das macht doch Spaß.

Nach einem gemütlichen Abend in den Bergen machen wir uns auf den Weg Richtung Sognefjord. Ich hatte vor einiger Zeit mein altes Postsparbuch von 1984 wiedergefunden – damit bin ich damals gereist, weil man überall in Europa kostenlos Geld abheben konnte. Ich konnte anhand der Stempel der Postämter teilweise meine Route von vor 30 Jahren rekonstruieren: In Tyinkrysset gab es damals ein winziges Postbüro. Jetzt stehen da protzige Ferienhäuser anstelle des Postamtes. Tempi passati. Aber die Hammer-Tunnel auf der Strecke nach Øvre Årdal gibt es noch! Unbeleuchtet, in den Naturstein gehauen, das Wasser tropft von der Decke – und dann kommt die 90 Grad-Kurve im Tunnel. Da habe ich vor zwanzig Jahren schon mal eine ganze Gruppe Motorräder fast in die Wand gesetzt. Bei strahlendem Sonnenschein mit Sonnenbrille in einen unbeleuchteten Tunnel gefahren. Und mit schweißnassen Händen wieder raus. Für alle, die das fahren wollen: Es sind drei Tunnel ohne Licht mit Kurven drin. In Øvre Årdal biegen wir in ein Nebental ab, am Ende der Straße liegt der Hjellefoss, ein beeindruckender Wasserfall, der noch nicht der Wasserkraftindustrie zum Opfer gefallen ist. Ein schöner Platz für eine Pause und ein paar Fotos.

Am Sognefjord suchen wir den Schotter vergeblich, nur am Abstecher zum Gletscher Suphellebreen ist ein kleines Stück geschottert. Aber von der alten Stryne-fjell-Straße weiß ich, dass sie Schotter hat. Sie liegt oberhalb von Geiranger, die neue Straße führt durch einen Tunnel etwas weiter nordwestlich. Die alte Strynefjell-Straße ist eine der Nationalen Touristenstraßen Norwegens, entsprechend gut ist sie besucht. Das Hochtal liegt in der Sonne, Schneeflecken in den Hängen zeugen von langen Wintern. Tolle Strecke, tolle Landschaft, ich bin zufrieden – bloß dass die Kreuzfahrtschiffe aus Geiranger ihre Busse sogar hier oben auf die teilweise einspurige Schotterpisten schicken, macht mich sprachlos. Acht Busse mit Kreuzfahrtgästen treffen wir. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Kreuzfahrt-Industrie überdreht hat, dann finden wir ihn hier.

Wir fahren weiter gen Norden, lassen das Touristengetümmel am Geiranger-fjord und Trollstigen hinter uns. Stattdessen finden wir noch zahlreiche kleine Schotterpisten. Am Ende der gut einwöchigen Reise haben wir rund 200 Kilometer Piste zusammen bekommen, darunter ein paar spektakuläre Strecken. Nur den Jotunheimvegen sind wir wieder nicht ganz gefahren. Ein Hitzegewitter mit heftiger Schüttung sorgte dafür, dass wir einen Umweg machen mussten. Es wird also noch ein Jahr dauern, bis ich einen neuen Versuch starten kann. Keine Frage, ich versuche es noch einmal – mindestens.

Ralf Schröder

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Ralf Schröder
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